Werbung

Gertie Fröhlich 1930 - 2020

Manchmal haben Menschen die im Hintergrund tätig sind, mehr kulturhistorischen Einfluss als Personen die im Vordergrund lautstark aktiv sind.

Gertie Fröhlich (geboren 1930), die am 17. Mai 2020 im Künstlerheim Baden, im Alter von 89, gestorben ist, war eine solche Persönlichkeit. Ohne sie wäre es wahrscheinlich nie zur Gründung der Galerie St. Stephan gekommen und ihre Wohnung war in den späten 1950er Jahren und 1960er Jahren ein Treffpunkt für die Wiener Avantgarde. Anlässlich einer Ausstellung ihrer Plakate für das Österreichische Filmmuseum 1964-1984 in der Galerie Ulysses im Sommer 2005 verfasste John Sailer folgenden Text:

WAS IST EIN ZYPHIUS ?

Es war im Herbst 1954, als ich erstmals von einer neu gegründeten Galerie hinter dem Stephansdom hörte und in der Folge, etwas schüchtern - ich war damals in der fünften Gymnasialklasse - im zweiten Stock in der Grünangergasse Nr. 1 die Räume der Galerie St. Stephan aufsuchte. Ausgestellt waren Lithographien von Marc Chagall zu den Fabeln von Lafontaine. Im Büroraum unterhielten sich zwei junge Frauen, die nach einem kurzen Gespräch freundlich fragten, ob ich zu den Eröffnungen der Galerie eingeladen werden wollte, was ich bejahte. Später sollte ich erfahren, dass eine von ihnen Gilli Hillmayr hieß, die andere Gertie Fröhlich. In den folgenden Jahren wurde ich zum regelmäßigen Besucher der Galerie, die ausgestellten Maler und Bildhauer wurden meine Freunde und mein künstlerisches Weltbild wurde zu einem erheblichen Teil in dieser Umgebung geprägt.

Es war damals nicht lange her, dass die Galerie St. Stephan gegründet worden war und das war in keinem geringen Ausmaß ein Verdienst von Gertie Fröhlich. Sie war damals 25 Jahre alt, hatte zunächst in Graz Malerei bei Rudolf Szyszkowitz studiert, war dann 1953 nach Wien übersiedelt, wo sie bei Albert Paris Gütersloh 1956 das Diplom machen sollte.

Geboren wurde Gertie Fröhlich am 29. Juni 1930 in einem Dorf namens Kláštor, nahe dem deutschsprachigen Ort Kuneschhau in der Slowakei, wo ihr Vater Dorfschullehrer und Organist war und seine vier Töchter streng katholisch aufzog. Kuneschhau war im 14. Jahrhundert von König Sigismund gegründet worden, welcher deutschsprachige Bergknappen ansiedelte, um die reich vorhandenen Bodenschätze abzubauen. Als sich 1944 der Zweite Weltkrieg dem Ende näherte, schien es angezeigt, sich in österreichische Sicherheit zu begeben. Die Familie Fröhlich wanderte von der Slowakei nach Oberösterreich aus und ließ sich in der Nähe von Vöcklabruck nieder, wo ein Teil der Familie herstammte.

Als Gertie 1953 nach Wien übersiedelte, fand sie Aufnahme bei Friedrich und Eva Heer, wo sie auch zunächst wohnte. Während des Sommers 1954 nahm sie einen Sommerjob bei der Katholischen Aktion an. Ihr Chef war der Domprediger zu St. Stephan, Otto Mauer. Irgendwann zu dieser Zeit lernte sie Eva Maria Kallir kennen, die Tochter des Schiele Experten, Otto Kallir-Nirenstein, Gründer der legendären Neuen Galerie in der Grünangergasse, der 1938 Österreich verlassen musste und seine Galerie für die Jahre des Krieges seiner ehemaligen Mitarbeiterin Vita Künstler übertrug. In der Emigration in New York etablierte Otto Kallir die Galerie St. Etienne, welche Klimt und Schiele, Kokoschka und Gerstl in Amerika berühmt machte. Nach dem Krieg verbrachte Otto Kallir oft den Sommerurlaub in Altaussee, so auch im Jahre 1954. Von seiner Tochter, die nicht Galeristin werden wollte, erfuhr Gertie eines Tages, dass der berühmte Kunsthändler vorhatte, die Galerie in der Grünangergasse aufzugeben. Die unternehmungslustige Gertie, die von ihrem Studium her viele Künstlerkollegen kannte, überredete ihren Chef Otto Mauer, von dem sie wusste, dass er an Kunst interessiert und im besonderen ein Freund von Alfred Kubin war, nach Altaussee zu fahren, um über eine Übernahme der Galerie mit Otto Kallir zu verhandeln. Eine Reise, der Erfolg beschieden war. So wurde der Domprediger Otto Mauer Galerist und Gertie Fröhlich seine Sekretärin und Beraterin.

Gertie, schön, mit Charme und geistreichem Witz, allseits beliebt und von vielen Künstlern verehrt, entschied sich für Markus Prachensky, den sie bald darauf heiratete und ihre Wohnung in der Sonnenfelsgasse 11 wurde zu einem Treffpunkt der jungen Österreichischen Avantgarde - manchmal auch, wenn Gertie gar nicht zu Hause war. Nicht nur Prachenskys enge Freunde Josef Mikl, Wolfgang Hollegha und Arnulf Rainer, sondern auch viele andere Künstler, aber auch Architekten und Literaten sowie u.a. der Filmemacher Peter Kubelka trafen sich regelmäßig, bei so manchem Doppler, im 2. Stock der Sonnenfelsgasse 11. Auch ich durfte zum Kreis dieser "Wohnungsbesetzer" zählen.

Es dauerte nicht lange, bis sie Otto Mauer überzeugen konnte, die Galerie ihren Künstlerfreunden zu öffnen und so wurde die Galerie St. Stephan zum - einzigen - Zentrum der Österreichischen Avantgarde. Die Verdienste der Gertie Fröhlich können nicht hoch genug geschätzt werden.

Nach ihrer Scheidung von Prachensky wurde Filmemacher Peter Kubelka, der 1957 mit seinem einminütigen Avantgarde Film Adebar berühmt wurde, zum Gefährten. Dieser gründete 1964, gemeinsam mit Peter Konlechner, das Österreichische Filmmuseum.

Während der Zeit ihrer Tätigkeit in der Galerie St. Stephan hatte Gertie nicht aufgehört, zu malen und entwickelte einen persönlichen Stil, der mehr ihrem Lehrer Gütersloh verdankte als der abstrakten Kunst ihrer Freunde. Als Kubelka das Österreichische Filmmuseum gründete, gewann er Gertie für die Gestaltung der Plakate, welche sie - es waren über hundert - zwanzig Jahre lang schuf und die sich größter Beliebtheit erfreuten und begehrte Sammlerstücke geworden wären, hätte man sie kaufen können. Warum Gertie das Phantasiewesen Zyphius - welches sie in einer Abhandlung über Fabelwesen aus dem Jahre 1558 fand, wo es sich mit Einhorn, Phoenix, Sphinx, Sirenen und anderen Zaubertieren als eindeutig hässlichstes Tier tummelte - zum Logo des Filmmuseums auswählte, habe ich nie erfahren.

Copyright John Sailer

--
Abbildung: Archiv Gertie Fröhlich

Dieser Text erscheint mit freundlicher Unterstützung der Galerie Ulysses

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Gertie Fröhlich
Gitti Huck | 26.05.2020 10:30 | antworten
ein wundervoller Text für eine wundervolle Frau !

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2020 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: