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Isa Rosenberger - . . . das weite Land, woher sie kommt: Körper ist immer anders

„Die Stadt mit ihren schweren Häusermassen liegt hingestreckt da, sie schmiegt sich an den Erdboden und stöhnt und murrt dumpf“, schreibt Maxim Gorki in „Italienische Märchen“ (1911-1913), in der er die Geschichte eines Knaben erzählt, der durch die Dämmerung der Felder über die graue, breite Landstraße schreitet, die sich straff wie eine Degenschneide, wie von einer mächtigen, unsichtbaren Hand gelenkt, in den Leib der Stadt bohrt. Er erzählt von den Bäumen zu beiden Seiten, die dunklen Pechfackeln gleichen, ihren breit ausladenden Wipfeln, die unbeweglich über die schweigsame und erwartungsvoll daliegende Erde ragen. Und hinter dem Knaben schreitet lautlos die Nacht einher „und breitet den schwarzen Mantel der Vergessenheit über das weite Land, woher er kommt“. Kurz nach Eintritt in die Räumlichkeiten der Camera Austria, schwarz gerahmt, sind die Vorderansicht des Buches sowie Kopien der Seiten 32 bis 35 zu sehen, die „das weite Land, woher sie kommt“ ihren Kontext zuweisen und diese als titelgebende Referenz Isa Rosenbergers Einzelausstellung kennzeichnen.

Forschungsgegenstand der österreichischen Künstlerin ist die Zeitlichkeit von Geschichte(n), deren Konstruktion und die Erfahrung der Zeit. Körper, Raum und Text sind ihr adäquates Mittel und Medium, komplexe Inhalte offenzulegen. Auf Recherchen basierend, inszeniert sie die Bewegung als solche, (de-)konstruiert und repräsentiert Vergangenes, überführt dessen Gehalt in eine Gegenwart und lenkt den Blick anhand von physischen Setzungen, um damit gleichzeitig Leerstellen offenzulegen. „Ich bin nur in meinem Körper in der Welt gegenwärtig“, schreibt Jean-Luc Nancy in „Körper“ (2019), in dem er auch von der Existenz als Materialität spricht, von einer Exposition, Präsentation und Manifestation von „Innerlichkeit“ und „Intimität“, die nur sein kann, weil sie sich den anderen aussetzen und darbieten kann. Der Körper ist eine Möglichkeit von Bezügen. Er ist Linie, Zug, Umriss, harmonische Rundung, Aufrechterhalten und Haltung, ebenso Art, Ton und Anblick. Er ist das Unbewusste, das heißt der Bezug zur Welt.

Für Rosenberger spielt Tanz und in dieser Ausstellung konkret jener Gertrud Kraus’ eine ganz wesentliche Rolle, bildet er doch das Politische auf subtil(st)e Weise ab, verkörpert ein Soziales, ist Geste. „As Arendt reminds us in the chapter on ‚Action‘ in her classic ‚The Human Condition‘ politics is a techné, belongs among the arts, and can be likened to such activities, as healing or navigation, where, as in the performance of the dancer or play-actor, the ‚product‘ is identical with the performance act itself“, heißt es in einer Notiz auf einem der beiden im Raum platzierten Bühnenelemente. Und weiter: „Politics are not located directly in dance, but in the way dance manages to occupy (cultural) space.“ (Mark Franko)

Dem Kursbuch der Volkshochschule Ottakring (1933/34) hat Rosenberger eine Ankündigung entnommen, der die Aufführung des Tanzstücks „Die Stadt wartet“ (Choreographie von Gertrud Kraus nach einem Märchen von Maxim Gorki; ca. 29-minütige Partitur von Marcel Rubin für Orchester und eine Sprechstimme; verbindende Worte von Elias Canetti) enthält. „Das war mehr als brillante Choreographie, das war schon Raumdichtung“ wird eine Pressestimme zitiert. Giora Manor beschreibt in „The Life and Dance of Gertrud Kraus“ (1978): „They gathered together and dreamt a great dream. Freedom – Freedom“. Rosenberger erinnert an Leben und Werk der Tänzerin wie auch an die bedeutende Stellung der Wiener Volkshochschule(n) vor hundert Jahren. „Angefangen hat es mit einem Buch zum Thema Ausdruckstanz im Wien der 20er-Jahre. Ich habe mich zwar schon in vielen Projekten mit Tanz beschäftigt, aber über diese Zeit wusste ich wenig. Es war eine absolut weiblich geprägte Kunst und sehr viele waren Jüdinnen. Das fand ich spannend. Viele kennt man wie zum Beispiel Gertrud Bodenwieser, Rosalia Chladek und eben Gertrud Kraus“, erklärt die Künstlerin. „Ich habe mich dann mit dem österreichischen Volkshochschularchiv befasst und herausgefunden, dass ebendiese in Ottakring in den 20er- und 30er-Jahren eine wichtige Plattform für die Avantgarde der Moderne war. Unter anderem haben Adolf Loos, Elias Canetti und Robert Musil hier unterrichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde an diese Geschichte aber im Grunde nicht mehr angeknüpft.“

Auf ihren Besuch der Volkshochschule Ottakring, bei dem sie „diese wunderschöne Bühne entdeckte, auf der auch Gertrud Kraus getanzt hat“, folgte im Mai 2019 die Produktion einer fotografischen Serie und Rosenberger begann, sich an diesem Ort jener Lücke anzunähern, die unaufhörlich und bescheiden zu leuchten scheint. Ohne jegliches Bildmaterial oder Notation entstand eine Vorstellung jenes Tanzabends im April 1934 im „Volksheim Ottakring“ in Wien. „Ich wusste, ich möchte mit einer Performerin zusammenarbeiten und bin auf die Tänzerin und Musikerin Loulou Omer gestoßen, deren Mutter darüber hinaus eine Studentin von Kraus in Tel Aviv war – wo sie nach ihrer Flucht 1935 eine Tanzkompanie und Schule leitete, was ein wunderbarer Zufall war“, ergänzt Rosenberger und verweist auf die Serie von Fotografien, die aktuelle Aufnahmen von Omer auf der historisch erhaltenen Bühne zeigen, und auf die 20-minütige Videoarbeit (Kamera: Reinhard Mayr) als eine Collage aus Originalzitaten von Elias Canetti, Maxim Gorki, Texten über Gertrud Kraus und ihrer eigenen Geschichte. „Eine Inspiration für mich war ein Zitat von Kraus, dass für sie ‚Tanz ein poetischer Raum‘ sei, in dem es möglich ist, verschiedene Kunstformen zu mischen und ich habe mir dann gedacht, ‚nicht nur Kunstformen‘ – man kann auch verschiedene Zeiten, Bilder und Geschichten mischen, wodurch all das zusammenfinden kann.“ Rosenberger benennt das „Körperwissen“, das sich über Generationen vermittelt, und erzählt von Annäherungen, Imaginationen, von dem Versuch nachzuspüren, zu improvisieren.

„Dem Display zugrunde liegt die Idee einer Choreographie durch den Raum und die Idee von Geschichten, die sich vielleicht kreuzen, jedoch häufig aneinander vorbeiführen“, so Rosenberger. Ergänzend zur Ausstellung wurde eine gleichnamige Publikation (in der Edition Camera Austria) mit einem Text von Nora Sternfeld herausgegeben, in dem sie die Installation basierend auf dem Moment(um) eines konkreten Ereignisses erläutert und betont, wie Rosenbergers künstlerische Arbeit dem Material nachgeht, Fragen stellt, um diese mit den Mitteln der Recherche zu beantworten, und dabei auch konsequent jene verfolgt, die keine endgültige Antwort zulassen, deren Lücken und Widersprüche offenbleiben. Mit dem zentralen Video der Installation gelingt es Rosenberger und Omer „aus Archivmaterial, Notation, Oral History und Körperwissen eine Auseinandersetzung in den Raum zu stellen, die viel über eine geteilte Gegenwart erzählt, über die Spuren einer Geschichte (…). Was wir erfahren, erfahren wir lückenhaft und verstrickt, und genau darin ist die Arbeit präzise und ihrem Gegenstand treu.“ (Sternfeld) Auf die Frage „Was lässt sich schon darstellen, von dem, was zurückgelassen wird, von dem, was kommt?“ (Sternfeld) könnte man antworten: Ein immer wieder anderer Körper und ein anderer als derselbe, der er in all seinen Abwandlung und in all seinen Bewegungen ist (in Anlehnung an Nancy).

Isa Rosenberger - . . . das weite Land, woher sie kommt
02.06 - 30.08.2020

Camera Austria
8020 Graz, Kunsthaus Graz, Lendkai 1
Tel: +43(0) 316/ 81 555 00, Fax: +43(0) 316/ 81 555 09
Email: office@camera-austria.at
http://www.camera-austria.at
Öffnungszeiten: Di-Sa 10-17 h


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