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Lois Weinberger - Debris Field: Trümmerfeld Geschichte

Lois Weinberger eröffnet mit seinem Titel „Debris Field˝ ein breites Konnotationsfeld: Das mag verstanden werden als Trümmerfeld, als Aufbewahrungsort für Schutt, Überbleibsel, Fremdkörper, Ablagerungen. Wer sich an seine Dokumenta-Arbeit „Das über Pflanzen ist eins mit ihnen˝, 1997 auf dem stillgelegten Bahnsteig 1 des Kasseler Hauptbahnhofes erinnert, weiß, dass sich Lois Weinberger mit Spuren der Vergangenheit beschäfigt und diese aktuell politisch versteht. In Kassel hat er Samen von Neophyten aus Süd- und Südosteurpa kultiviert, also von jenen Pflanzen, die einwandern und sich gar niederlassen. Lois Weinberger schuf mit dieser immer noch vorhandenen Installation eine Metapher, welche die Neophythen als Stellvertreter für migrierende Menschen versteht.

In „Debris Field˝ blickt er auf seine persönliche Geschichte zurück. Einer archäologischen Forschungsarbeit gleich, sind hier Relikte in Vitrinen ausgebreitet, die er im Haus seiner Eltern fand. Dieses alte Bauernhaus, das sich seit 700 Jahren in Familienbesitz befindet und das zum Kloster Stams in Tirol gehört, erweist sich als wahre Fundgrube. In Zwischendecken und zwischen Mauern, so will es die Tradition, wird das aufbewahrt, was Gäste und Tote hinterlassen haben. Pilger, die das Kloster besuchten, übernachteten einst im Bauernhof, und hatten einige Spuren hinterlassen. Aber auch vom bäuerlichen Leben und vor allem dessen Weltanschauungen erzählen die Relikte. Beisielsweise fanden sich zahlreiche Schuhe, doch immer nur ein Exemplar von einem Paar, womit die Rückkehr der Toten verhindert werden soll. Des weiteren wurden Katzenmumien, Hundepfoten und Tierschädel gefunden. Sie zeugen von Aberglaube, Volkssitten und Ritualen der katholisch geprägten Region. Sie sind ausgestellt zusammen mit heiligen Schriften, Ablassbildern, Beichtzetteln, Münzen, Pilgerzeichen, Reliqienbehältnissen. All dies würde einem Volks- oder Heimatkunde-Museum zu Ehren gereichen.

Lois Weinberger geht gleich einem Archivar vor. Er hat die Fundstücke von Schmutz gesäubert und geordnet. Es ist eine Ordnung vor allem nach Materialien und ästhetischen Kriterien. Es kommen so zahrleiche unterschiedlich grosse Holzstücke, Metallteile und Knochen, Stoffreste, Pflanzliches sowie Samen hinzu, Dinge, die man landläufig als nicht bewahrungswürdig oder nebensächlich bezeichnen würde. Manches ist in Plastik eingeschweisst, beschriftet, so, wie es eine wissenschaftliche Vorgehensweise will. Im Tinguely Museum sind die Gegenstände säuberlich in Vitrinen ausgelegt. Doch die Auslegeordnung ist nicht ganz nachvollziehbar, manches kommt des öfteren vor. Es ist, als ob der Künstler sich selbst relativiert. Diese Unsicherheit mag an seinem individuellen Verfahren der Montage und Rekonstruktion liegen und stellt dieses damit in Frage. Der Künstler zeigt damit auch, dass Archivarbeit, welche sich ebenfalls dieser Verfahren bedient und die quasi unser kulturelles Gedächtniss bewahrt, ebenso unsicher erscheint und vielleicht nie abgeschlossen sein kann. In dieser Relativität eröffnet er Querverbindungen, die sich wohl in Worten oder wissenschaftlichlichen Erklärungen nicht so einfach fassen lassen. Sie sind da, ebenso wie die einst rituellen, animistischen Beziehungen zu manchen der Objekten. Weinbergers archäologische Methode, die der Kunstrichtung der Spurensicherung zuzuordnen ist, überzeugt gerade wegen der Unsicherheiten - und vor allem, da er Bezüge herstellt zu seiner eigenen Geschichte.

Diese Ausstellung ist Teil einer Reihe – es ist dritte und bis jetzt überzeugendste –, welche vom Kurator und Direktor des Hauses, Roland Wetzel, in einem neuen Ausstellungssaal in Dialog mit Jean Tinguelys „Mengele-Totentanz˝ Werkgruppe von 1986 gesetzt wird. Beide Künstler haben eine Affinität zu Schutthalden, wo sie Materialien für ihr Werk finden. Sie haben einen eigenen Stil entwickelt, wie sie diese Materialien in ihrer Kunst arrangieren und deren ursprüngliche Bedeutung damit transformieren.

Die im Tinguely Museum einander gegenübergestellten Rauminstallationen von Lois Weinberger (*1947 Stams) und Jean Tinguely (*1925 Fribourg, †1991 Bern) nehmen in ihrem jeweiligen Œuvre eine herausragende Stellung ein. Beide beziehen sich auf persönliche Bauernhof-Erfahrungen. Nicht nur bei Jean Tinguely explizit, sondern auch bei Lois Weinberger finden sich zudem Hinweise, welche eine Brücke zur jüngeren Vergangenheit schlagen und zwar zum Zweiten Weltkrieg. Die Fundstücke und im Fall von Tinguely Überbleibsel eines Brandes wurden von ihnen eigenhändig gerettet. Vielleicht ist es dieser persönliche Ansatz, der ihrem „bäuerlichen Totentanz˝ einen ganz besonderen Reiz gibt.

Lois Weinberger - Debris Field
17.04 - 01.09.2019

Museum Tinguely
4002 Basel, Paul Sacher-Anlage 2
Tel: +41 (0)61 681 93 20, Fax: +41 (0)61 681 93 21
Email: infos@tinguely.ch
http://www.tinguely.ch
Öffnungszeiten: Di-So 11–19 h


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