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Die Bewegung verändert die Wahrnehmung

Am 4. März 2019 feiert der große abstrakte Maler Wolfgang Hollegha neunzigsten Geburtstag

Eine Würdigung

"Indem der Maler der Welt seinen Körper leiht, verwandelt er die Welt in Malerei", schrieb der Philosoph Maurice Merleau-Pontys (1908-1961) in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung über den Stil der Bewegungen und über das Denken des Leibes: "Malen ist Bewegung".

Wolfgang Holleghas Erlebnisraum ist der Naturraum, hier findet der Maler seine Motive, Dinge mit Spuren des Alterns und der Vergänglichkeit: "Ich gehe immer von der Natur aus. Sonst wäre das, was ich mache, willkürliches Geschmiere. Wenn man durch den Wald geht, da ist alles ein bißchen schief. Dieses Organische, Gewachsene, Verwortakelte inspirieren mich. Für mich ist das, was ich sehe, eine Art von Wahrheit. Die geometrische Form ist absolut richtig, aber absolut unvereinbar mit der Verschiedenheit, der Individualität der Menschen. Die Einheit von Kontrasten: Das ist für mich Malerei."

Kunst begreift er als radikale individuelle Äußerung und somit im Widerspruch zur Wissenschaft: "Einstein kann nicht sagen, dass eine Formel nur funktioniert, wenn er selbst sie anwendet - weil nur er selbst sie anwenden kann. Eine wissenschaftliche Formel muss nachvollziehbar sein. In der Kunst ist das anders. Da hat Grammatik überhaupt nur Sinn, wenn es die Grammatik einer bestimmten Person ist. Wittgenstein sagt: Das Mystische zeigt sich. Das ist die Möglichkeit der Malerei: das, was außerhalb der Realität der Wissenschaft ist, zu zeigen."

Geboren am 4. März 1929 in Klagenfurt, früh verwaist, aufgewachsen bei Tante und Großmutter, gleich nach dem Krieg Studium bei Josef Dobrovsky an der Akademie der bildenden Künste, wo er später selbst 25 Jahre eine Meisterklasse leitete. Hollegha war Mitglied der legendären „Hundsgruppe“ und des nicht minder legendären „Art Club“ , gemeinsam mit seinen beiden ehemaligen Studienkollegen und lebenslangen Freunden Josef Mikl und Markus Prachensky sowie Arnulf Rainer bildete er auch den harten Kern der Galerie nächst St. Stephan um Monsignore Otto Mauer. Der hatte Holleghas Kunst als „mozarteisch“ bezeichnet, „das heißt: erhaben, ohne pontifikal zu sein".

Seine Werke befinden sich in den wichtigen in- und ausländischen Museumssammlungen. Dass er zu den ganz Großen der abstrakten Malerei gehört, bewies der 1959 in Klagenfurt geborene Künstler schon früh in seiner Karriere. Er nahm unter anderem an der Documenta III in Kassel teil, und der New Yorker Kritikerpapst Clement Greenberg, der damals den Künstlern (und dem Publikum gleichermaßen) dekretierte, was denn nun wirklich Kunst sei und was nicht, holte den jungen Österreicher in den Big Apple, wo er 1957 mit dem Guggenheim Preis ausgezeichnet wurde. Drei Jahre später, 1960, stellte er gemeinsam mit den internationalen Stars der abstrakten Malerei wie Mark Rothko, Kenneth Noland, Morris Louis aus, und gleich zweimal, 1962 und 1964, zeigte das Guggenheim Holleghas Arbeiten: „ Ich hätte erfolgreicher sein können, wenn ich in New York geblieben wäre und die Kontakte gepflegt hätte", sagt er ohne Bedauern.

Statt in New York Weltkarriere zu machen, zog Hollegha sich gemeinsam mit seiner Frau Edda in die steirische Einschicht in ein mehr als vierhundert Jahre altes Bauernhaus am Rechberg zurück und baute am Waldrand ein spektakuläres, 15 Meter hohes Atelier, eine hölzerne Kathedrale für die Kunst. Überall in seinem Haus, seinen Ateliers – in Nischen, Regalen, auf Fensterbrettern – nisten Körbe, Säcke, Leitern, Krüge, Puppen, Äste, Holzstücke. Sie sind sein Motivvorrat, sein unerschöpfliches Ding-Alphabet, das er sich zeichnend und malend erarbeitet, die ihm eignende Bewegung entdeckt, sie sozusagen vom Gegenstand loslöst und in Farbflecken und –wischer auflöst. Nicht die Hülle, sondern den Kern, die innere Logik, das den Dingen Immanente erschaut er sich, quasi mit einem inneren Blick, einem dritten Auge , und setzt die Wahrnehmung in seine Malerei um.

Wolfgang Hollegha kommt mit wenigen Farben aus, drei Blau, zwei Rot, ein Gelb, ein Braun, daraus mischt er sich seine Farbwelt. Entwickelt seine eigene Grammatik mit seinen Schüttungen und Pinselhieben, seine Flecken, Verdichtungen, Raumstrudeln, Wischer nund raschen Gesten. Beweist mit jedem Bild aufs Neue seine Meisterschaft in Farbe und Form, Proportion und Fläche, Präzision und Zufall. Hollegha verdichte im Verdünnen, schrieb der Kunsthistoriker Alfred Schmeller einmal über Holleghas extrem dünnen Farbauftrag.

Seine malerische Handschrift ist über die Jahre immer typisch Hollegha – und doch nie gleich, jedes Bild eine in sich geschlossene Einheit, als das "Innen des Außen und das Außen des Innen", wie es Merleau-Ponty formulierte. " Spektakuläre Brüche, radikale Kehrtwendungen gibt es im Werke Holleghas nicht, dem Diktat des Zeitgeistes und der wechselnden Trends und Moden entzog er sich konsequent. Er sei immer ein Dissident gewesen, ein Trotzkist sozusagen: "Ich fotografiere nicht, ich habe nie geometrisch gemalt, nie Konzeptkunst gemacht. Ich bin immer von der Natur ausgegangen, von dem, was ich sehe. Wenn ich das nicht hätte, wäre das, was ich mache, ein willkürliches Geschmiere."

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