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Flying High - Künstlerinnen der Art Brut: Frau und Kunst, Freiheit und Geheimnis

„Flying High“, die aktuelle Ausstellung im Kunstforum Wien, ist nicht die erste Ausstellung, des Hauses, die sich mit Art Brut befasst („Kunst und Wahn“ 1997/ „Gugging in Wien“ 2009), aber dass es hier ausschließlich um Kunst der weiblichen Außenseiterszene geht, zeigt, wie wichtig es ist, Einblick in eine Szene zu geben, die immer noch eher im Verborgenen blüht. Ausschließlich Künstlerinnen ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt zu haben ist der Direktorin und Kuratorin Ingried Brugger, der Assistenzkuratorin Veronika Rudorfer und vor allem Hannah Rieger, der Sammlerin und Kuratorin zu verdanken. Welche enorme Leistung es ist, dass die drei Ausstellungsverantwortlichen 316 Werke von 93 Künstlerinnen, aus allen möglichen öffentlichen und privaten Sammlungen und aus 21 Ländern, zusammengetragen haben, kann der Besucher ermessen, wenn er sich in Bilder und Texte vertieft. Es ist tatsächlich gelungen, einen Überblick über die weibliche Szene der Art Brut zu geben. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass es noch viel mehr Künstlerinnen gibt, aber sowohl der vorhandene Platz als auch der hohe Anspruch an Qualität und Originalität machten eine Auswahl notwendig und sinnvoll.

Für Frauen war es schon immer schwer als Künstlerinnen anerkannt zu werden. Meistens wurden sie nicht einmal ignoriert. So war es mit den Musikerinnen zu Mozarts Zeiten und so war es im 19. Jahrhundert, und so ist es für Frauen bis heute immer noch schwerer beachtet und anerkannt zu werden. Trotz Frauenwahlrecht, Möglichkeiten zu studieren und etlicher anderer Chancen. Der Feminismus hat nur bedingt die Kunstszene erreicht.

Auch wenn der Zeitgeist gerade dafür spricht, eine reine Frauenausstellung zu machen, tut dies der Ausstellung keinen Abbruch! Denn wenn der Blick einmal nur auf Künstlerinnen gerichtet ist, werden die unterschiedlichen Herangehensweisen von Mann und Frau an die Themen, die das Leben so bietet deutlich. Deutlich wird aber auch, welche Kraft, Energie und künstlerischer Mut dazu gehören seine inneren Bilder zu artikulieren, sich und seine Bedürfnisse zu formulieren und sich der Öffentlichkeit zu stellen. Vielleicht sind Frauen sogar eher bereit den Sehnsüchten und Träumen Gestalt zu geben, Schönheit zu suchen im Objekt und im Bild, auch wenn das Leben traurig ist und dunkel. Die Blumen sind bunt und die Liebesbriefe von Emma Hauck kommen nur in ihrer Fantasie bei ihrem Mann an – außerdem könnte er sie gar nicht lesen, aber man spürt die Liebe und Sehnsucht der Frau in ihrem Wahn.

Dass es schon immer kreative Leistungen geistig und/oder psychisch gestörter Menschen gab, ist bekannt, wurde aber nicht weiter ernst genommen – auch das weiss man heute. Auch, dass es durch Walter Morgenthaler in der Schweiz, Hans Prinzhorn in Deutschland, Jean Dubuffet in Frankreich und Leo Navratil in Österreich gelungen ist, die Aufmerksamkeit auf diese ganz speziellen Künstler (auf Künstlerinnen allerdings weniger!) zu richten, ist bekannt. Erfreulicherweise wird heute auch nicht mehr von „Fällen“ (wie bei Prinzhorn 1922 in seinem Buch „Bildnerei der Geisteskranken“) gesprochen, sondern die Anstaltsinsassen werden beim Namen genannt und dadurch aus der Anonymität gehoben. Sie haben eine Biografie und eine eigene Persönlichkeit und ihre Arbeiten werden als künstlerisch wertvoll anerkannt.

In der Ausstellung wird einigen der Künstlerinnen, wie Else Blankenhorn und Aloïse Corbaz, viel Platz eingeräumt, mit Madge Gil, Unica Zürn (Lebensgefährtin von Hans Bellmer) und Laure Pigeon sind einige der international bekanntesten Künstlerinnen zu sehen, aber auch in Österreich gab und gibt es mit Ida Maly (ermordet in Hartheim), Sigrid Reingruber (Preisträgerin beim EUWARD, dem europäischen Kunstpreis im Kontext geistiger Behinderung) und Laila Bachtiar (Atelier Gugging) hohe Qualität bei Künstlerinnen aus der Psychiatrie- und Außenseiterszene.

Auch wenn Meret Oppenheim, selbst Künstlerin in der Künstlerwelt sagt: „Im geistigen Bereich gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, der Unterschied besteht nur im Animalischen – denn der Geist ist androgyn.“ - so scheint es mir doch richtig, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass es nicht nur die Männer waren und sind, die Geist und Schöpferisches vorwärts gebracht haben, sondern eben auch Frauen. Man muss das nicht ständig wiederholen, aber es mit einer solchen Ausstellung einmal ganz deutlich gezeigt zu haben, macht Sinn.

Die großzügig gestaltete Präsentation beweist schlüssig und überzeugend den „Höhenflug“ von Künstlerinnen aus Geschichte und Gegenwart, erzählt diese Geschichte mit und durch die Bilder und Objekte und führt den aufmerksamen Betrachter in eine Welt der Fantasie, der Emotionen, erweckt Träume und Mythen zu neuem und völlig eigenem Leben. Hier wird keine traditionelle Bildsprache übernommen, sondern eine eigene geschaffen. Vergleichbares kann man nicht finden. Neues gilt es zu entdecken.

Flying High - Künstlerinnen der Art Brut
15.02 - 23.06.2019

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