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Hate Speech. Aggression und Intimität: Über die Enge im Vakuum

„Aggression und Intimität“ lautet der Untertitel der Ausstellung „Hate Speech“ im Künstlerhaus KM–, Halle für Kunst und Medien in Graz. Eine Gruppenschau als „reminder, that we are human“, deren Werbe-Sujet „Yawn / Sclera“ (2016) von Elena Aya Bundurakis in Pastell schon ziemlich sexy wirkt. Die Erwartungen sind hoch. Die von Direktor Sandro Droschl kuratierte Schau sprengt zweifellos jeden Rahmen. Die Auswahl fiel auf 16 internationale sowie nationale Künstler*innen, deren Positionen das gesetzte Thema zu verhandeln suchen. Ein ergänzendes Rahmenprogramm, das in der relativ kurzen Laufzeit von knapp mehr als 2 Monaten 16 Veranstaltungen umfasst, fällt dicht aus und stellt nicht nur eine Herausforderung für das Publikum dar. Angebot und Austausch scheint die Formel zu lauten. In einen Dialog zu kommen ist schwierig.

Fantasie wird zur Realität, wenn eine animatronische Maus von Ryan Gander als Prophet in einem sonst leeren Raum von „Human Nature“ spricht und dabei Skeptizismus, Technologiekritik und Toleranz hinsichtlich Andersartigkeiten fordert: „You are no machines, no algorithm, you are human“. Kinematographische Elemente dominieren alle Räume. Eine latente Geräuschkulisse unterstützt das Einnehmen anderer Perspektiven, während Trash, Punk und Randomism die Ästhetik bestimmen. Einen Bruch in die Realität schafft nur die täuschend echte Nachbildung des eben erwähnten Tieres mit seiner neun Minuten langen philosophischen Rede. Verschiedene Symbole ziehen sich durch „Hate Speech“, sowie ein Netz, das an ein im Hauptraum installiertes Baustellengerüst montiert ist - und besonders viele Gesichter, die jedoch fragmentiert oder verzerrt, undeutlich und zu Karikaturen werden. Einer formalen und inhaltlichen Zerstreuung tritt Signe Pierce mit „Photoshop“ (2017) entgegen. „Being humble“ als kategorischer Imperativ lässt sich als eine zurückhaltende Medienkritik lesen. Explosionsartig agieren auch die prominent in der Apsis aufgestellten Figuren Folkert de Jongs aus pigmentiertem Polyurethan-Schaum, die mit Spielzeugmotoren und Tonanlage für einen Schreckmoment sorgen. Die dreiteilige Arbeit „Golgotha“ (2018) setzt theatralisch Apokalyptisches in Szene und wirkt irritierend und unheimlich. Schwer verständlich sind zum Teil nicht nur die Tonbeiträge, sondern auch der Gegenstand der Ausstellung. Es wird ein breites Spektrum an Motiven angeboten. Über verschiedene Kanäle wird Sozialpolitisches seziert und untersucht.

Wir befinden uns im virtuellen Raum, verstanden als nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, scheinbar also, und bemühen uns um Identität und die Frage nach einer offenen Gesellschaft. Wenn Petra Cortright mittels Video-Beiträgen die Zurschaustellung und Hinterfragung eines durch die große Anzahl der gegenwärtigen Animationseffekte und technischen Filter verzerrten Selbstbildes befragt, wirkt die Sonne, die ihr Gesicht im Bild auflöst wie ein Erleuchtungsmotiv und ruft Rihannas Song „Shine bright like a diamond“ in Erinnerung. Dieser wirkt bezeichnend für die Ausstellung „Hate Speech“, die mehr eine Erweiterung des Alltäglichen (nicht des Besonderen) darstellt und die Suche nach Erkenntnisgewinn ergebnisoffen lässt. Auch im Untergeschoss ist kein roter Faden zu finden, ausschließlich eine mit roter Farbe an die Wand gesprayte Rahmung der Fotografien von Elena Aya Bundurakis. Radikal, wild, anders, widerständig möchte auch Markus Sworciks abgeschnittene Zunge sein, die in „Untiteld / (Get rid of your tongue)“ (2018/19) surreal erscheinend „over the language of other“ gelegt wurde. Die leeren Sprechblasen am Display darunter sind dabei symptomatisch. Die wohl hippste Adresse in der steirischen Museumslandschaft demonstriert einmal mehr ihre führende Rolle und wirkt als Verdichter, deren Bilder und Gegenbilder das Weiß des Augapfels betonen. Ein in Plastik vakuumverpacktes Herz als Sinnbild einer in Künstlichkeit erstickten Natürlichkeit. Die Verschränkung von realer und virtueller Welt bildet dabei eine amorphe Grundsubstanz (Bindegewebe), eine Matrix also, in der nichts mehr klar erkennbar ist, alles verschwimmt – Gesichter, Sprache, Medien, Politik, Realität, Fiktion. Eine Konzentration ist kaum noch möglich. Die Selbst-Inszenierung auf die Spitze getrieben wie in Amalia Ulmans Werkserie „Dignity“ (2017) macht Positionen un-sichtbar. „I play on peoples fantasies, I call it truthful hyperbole“ zitiert Tony Cokes in seiner Videoarbeit „Evil 66.2“ (2016) Donald Trump und lässt das Publikum staunend und fragend zurück. Eine Meta-Erzählung sucht man in der Ausstellung vergeblich. „I can be whatever you want me to be.“ Spannend und authentisch ist lediglich Candice Breitz’ Einkanal-Video „Sweat“ (2018), ein begleitendes Werk der 13-Kanal-Videoinstallation TLDR (2017), worin die südafrikanische Künstlerin Aktivist*innen der SWEAT (Sex Workers Education & Advocacy Taskforce in Kapstadt, Südafrika) interviewt und Statements über ihre Arbeit, deren Bedingungen und Wert zeigt.

„Michael runzelte die Stirn, wenn er etwas hasste, dann waren es vage Andeutungen statt klarer Aussagen.“ (Verena Dengler, „You want a piece of me?“, 2014)

Hate Speech. Aggression und Intimität
02.02 - 18.04.2019

KM– Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien
8010 Graz, Burgring 2
Tel: +43 316 740 084
Email: hd@km-k.at
http://www.km-k.at
Öffnungszeiten: Di-So11-18, Do 11-20 h


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