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Beratungsschleife

Wie ist das, wenn man einen Consultant für die Ernährung, eine Trainerin für die Fitness, eine Beraterin fürs allgemeine Glück und einen Lebenscoach hat? Fehlt dann noch etwas? Ein Zeitmanagement-Helfer oder ein Freundschafts-Trainer? Vielleicht jemand, der einen in Sachen Kreativität unterstützt? Oder einen, der Visionen und Ziele entwickelt?


Für die meisten Menschen wäre das wohl der reinste Horror. Und wahrscheinlich leidet auch das Haus der Geschichte Österreich unter Über-Beratung. Schon jetzt verzeichnet die Website verschiedene Gremien, in denen fast 60 Personen sitzen. Doch anscheinend ist das nicht genug, denn vorige Woche präsentierte Kulturminister Gernot Blümel weitere Expertinnen und Experten (einige von ihnen sind praktischerweise bereits ohnehin in einem der Gremien tätig). Sie sollen überlegen, wie das Museum an das Parlament angebunden werden soll, über einen anderen Standort sinnieren ebenso. Denn erst im November verkündete man groß, das HdGÖ werde erstens wahrscheinlich „Haus der Republik“ heißen, zweitens aus dem Verbund mit der Nationalbibliothek wieder ausgegliedert und ans Parlament angedockt. Warum? Weil die Interpretation der jüngeren Zeitgeschichte „auf einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens aufbauen“ soll, so teilt man mit. Angesichts der aktuellen Zusammensetzung des Parlaments – zur Erinnerung: Es gibt eine große Fraktion, in der mehr schlagende Burschenschafter als Frauen sitzen – klingt das sinnentleert bis bedrohlich. Außerdem soll das Expertenteam die Eröffnungsausstellung evaluieren und darob über die Weiterentwicklung des HdGÖ beratschlagen.


Es ist nicht zu fassen: Ein gutes Jahrhundert lang werden abertausende Seiten an Studien und Papers zum Haus der Geschichte produziert, endlos viele Sitzungen abgehalten, zerbrechen sich hunderte schlaue Personen den Kopf. Dann eröffnet das Haus endlich. Und plötzlich soll es eine neue Konstruktion geben? Einzigartig dürfte auch sein, dass ein ganzes Museum aufgrund einer einzigen Ausstellung „evaluiert“ wird. Und wie soll eine Institution „weiterentwickelt“ werden, der man noch nicht einmal ein Jahr Zeit gelassen hat, sich zu positionieren und in die Köpfe der Leute einzunisten?


Tatsächlich braucht das Haus der Geschichte nur zwei Dinge: mehr Geld, mehr Platz. Und nicht endlose Beratungsrunden.


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Abbildung: Ansicht Das ist Österreich, Selfie Point, Foto: Hertha Hurnaus

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