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The Most Dangerous Game - Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai 68: Zum Radical Chic der 1960er

Die Ausstellung „The Most Dangerous Game“ gibt einen Überblick über die Geschichte der Situationistischen Internationale. Und wartet dabei durchaus mit überraschenden Erkenntnissen auf.


Dass bei einer solchen retrospektiven Ausstellung fast ein Viertel der Hängefläche einem Versandhauskatalog gewidmet ist, überrascht natürlich auf den ersten Blick. Doch dieses kuratorische Unterfangen macht durchaus Sinn, denn mit dem tapezierten Versandhauskatalog aus den späten 1960er Jahren belegen Roberto Ohrt, Wolfgang Scheppe und Elenora Sovrani, wie schnell die revolutionären Anliegen der Situationistischen Internationale affirmativ vom System geschluckt wurden. Die Vorstellung der SI einer „tabufreien Sexualität“ etwa wurde wenig später nicht nur von der spätestens in den 1970er Jahren florierenden Pornoindustrie gewinnbringend vermarktet, sondern findet sich in dem ausgelassenen Abfeiern von jugendlichem Körpern und dem Radical Chic der spärlichen, aber um so lustvoll-bunten Bekleidung bereits ansatzweise in besagtem Katalog wieder.


Gegenüber dieser Tapetenwand dann ist in der Ausstellung auf einer zweiten Wand eine Collage aus revolutionären Graffiti der SI, Filmplakaten, Zeitungscovers und Polizeifotos von den Unruhen des „Pariser Mai“ installiert. Affirmation und Protest stehen sich hier ganz konkret gegenüber und zeigen so das Spannungsfeld, in dem die SI – eine sich als „revolutionäre Front in der Kultur“ verstehende Künstlergruppe unter der Führung von Guy Debord – von ihrer Gründung 1957 bis hin zum „Pariser Mai“ 1968 gearbeitet hat. Früh formulierte die Gruppe in ihren Aktionen, Texten und Filmen entscheidende Anliegen der späteren Studentenunruhen, so z. B. die Kritik am Warencharakter, der alle Bereiche der kapitalistischen Gesellschaft bis eben hin zu den eigentlich intim gemeinten Liebesbeziehungen der Menschen dominiere. Genau dieser Warencharakter holte die SI, wie gerade ausgeführt, dann innerhalb einer Dekade ein.


Dass diese gnadenlose Vereinnahmung durch eben das Gesellschaftssystem, das man eigentlich verändern wollte, auch für die künstlerische Produktion der Gruppe galt, wurde Debord schnell klar und bereits 1962 trennte man sich daher von allen Mitgliedern, die noch an Kunst in handelbarer Objektform, also an Malerei etwa, interessiert waren. Dennoch wird im letzten Teil der aufschlussreichen Ausstellung doch Kunst der SI-Mitglieder gezeigt, Gemälde von Asger Jorn, Guy Debord, Uwe Lausen und Hans-Peter Zimmer z. B., und auch kollektiv gemalte Bilder, die wenigstens den Mythos des individuellen Geniekultes demontieren sollten.


Ein Problem solch einer historischer Ausstellung ist oftmals die Überfülle von dokumentarischen Material, das dann in Vitrinen gezeigt wird. Auch in „The Most Dangerous Game“ gibt es solche, die Besucher meist entweder langweilenden oder überfordernden Vitrinen, doch zudem wird dieses Material ausführlich in dem über 900 Seiten dicken Merve-Buch zur Ausstellung vorgestellt und so wird dann tatsächlich eine echte Auseinandersetzung mit den Dokumenten möglich. Ausstellung und Buch – beides unbedingt anschauen!


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Publikation zur Ausstellung: Roberto Ohrt, Wolfgang Scheppe:
The Most Dangerous Game Bd. 1 / Bd. 2
Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai 68 - Bd. 1 Dokumente / Bd. 2 Werke
Merve Verlag, Leipzig, 2018, 992 Seiten.
ISBN: 978-3-96273-019-2

The Most Dangerous Game - Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai 68
27.09 - 10.12.2018

Haus der Kulturen der Welt
10557 Berlin, John-Foster-Dulles-Allee 10
Tel: +49-30-397 87 0
Email: info@hkw.de
http://www.hkw.de/
Öffnungszeiten: Di-So 10.00 bis 21.00 Uhr


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