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Splendid Affirmation

Die weiße Halle schmücken verkröpfte Pfeiler, die eine Kassettendecke tragen. In den Nischen sind Sphingen aufgestellt. In der Mitte des klassizistischen Raumes thront eine Büste von Ramses II, der auch der „große” genannt wird. Der Pharao ließ Abu Simbel errichten und regierte noch länger als Queen Victoria. Wir befinden uns im British Museum, das besonders wegen seiner ägyptischen Schätze zu den besucherstärksten Museen der Welt gehört. Der gleichmütige Blick des gottgleichen Herrschers mit Kopfschmuck und steifem Bart wacht über einen neues, viel kleineres Doppelobjekt im Vordergrund. Die Statue aus dem Alten Reich schmückt eine zeitgenössische Beigabe. Glassturz und Ambiente würden ihr eine unvergleichliche Aura verleihen, wären da nicht die Farben Blau und Türkis, das laminierte Leder und das Logo des Herstellers. Adidas steht auf den nagelneuen Fußballschuhen zu lesen. Die Museumsleitung kommentiert ihre neueste Akquise via Twitter. „Um den ägyptischen Fußballstar @MoSalah als erfolgreichster Torschütze der Premier League zu feiern, werden wir seine Schuhe neben den Objekten aus dem Alten Ägypten im Vorfeld des Champions League Finales zeigen.” Eigentlich gewann Mohammed Salah, engagiert beim FC Liverpool und von seinen ägyptischen Landsleuten (mit ungültigen Stimmen) sogar zum Präsidenten gewählt, den goldenen Schuh. Ausgestellt ist aber die weiche, stylische Version, die nur für den Stürmer angefertigt wurde.


Salah ist ein genialer Fussballer mit Kraushaar und Bart, den man jubelnd in den roten Trikots von Liverpool kennt. Nun ist er nicht nur an der Anfield Road, sondern auch im Museum gegenwärtig. Und zwar mit einer Berührungsreliquie. Allerdings geht es nicht um Religion, sondern um Spielzüge im medialen Aufmerksamkeitswettbewerb. Das Wertgefälle zwischen den ungleichen Objekten ist tatsächlich wie ein abwechslungsreiches Ballspiel. Historischer Wert spielt gegen momentane Bedeutung, Ewigkeit mit Neuigkeit, Steinernes mit Ledernem, die stumme Macht der Geschichte gegen das plakative Marketing von heute.


Neil Spencer, der Kurator für Ägypten und Sudan im Museum, rechtfertigt die Idee: „Die Schuhe erzählen die Geschichte von einer modernen ägyptischen Ikone, die im Vereinigten Königreich tätig ist, mit einer wahrhaft globalen Wirkung.” Das Argument, das auf Urbi et Orbi abzielt, kann verwundern oder auch nicht. Meist wird an der Inszenierung der kostenlose Werbeeffekt für den Schuhhersteller kritisiert. Doch ist daneben nicht noch ein anderer Aspekt fragwürdig?


Seit den Monaten nach der Abstimmung über den Brexit ist der Bruch Großbritanniens mit Europa vertieft. Die globale Erinnerung des ehemaligen Weltreiches jedoch gestärkt. London, so befindet kürzlich „Die Zeit”, sei die internationalste Stadt der Welt und seine Bürger fremden Regionen hin aufgeschlossener. Man sei wieder bereit, das Land und seine ehemalige koloniale Vormachtstellung zu entdecken. Anders lässt sich diese proaktive Darstellung der Kolonialbezüge, aus deren Zeit die meisten der Bestände aus der ägyptischen Sammlung stammen, und ihr Update auch nicht interpretieren. Neben vielen anderen Objekten beherbergt das British Museum den „Stein von Rosette”, gleichsam die Urkunde aller transkulturellen Übersetzungen. Der Stein wurde wie viele Objekte des Museums unter fragwürdigen Umständen nach London gebracht und wird deshalb von der ägyptischen Regierung zurückgefordert. Doch davon ist hier nicht die Rede. Anstelle dessen wird der Schuh vom Museum als völkerverbindendes Werk in die Auslage gestellt, als Sinnbild der Verständigung von alt und neu, von Orient und Okzident, von Glaube und Sport.


Der globale Kapitalismus ist der gemeinsame Schirmherr aller dieser Welten, am besten repräsentiert durch einen durch Kapitalkraft dominierenden britischen Fußball. Anders gesagt: Das Museum versucht sich im argumentativen Pressing. In der Absicht, das schlechte Gewissen politisch korrekter Darstellungen hinter sich zu lassen, zeigt es sich bestrebt, der Maxime einer „splendid affirmation” zu folgen, um sich damit in eine neue Ära der Weltwirkung zu retten.

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