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Frischer Wind für das Fußvolk

Zum 13. Mal findet das Gallery Weekend Berlin jetzt statt, das noch immer der wichtigste Kunstevent der Hauptstadt ist und sich noch immer im internationalen Kalender hält. Doch genau so noch immer schaffen es dessen Macher nicht, die ganze Kunstszene mitzunehmen. Der auf Exklusivität bedachte Zirkel feiert angestrengt VIP-Events, während die Menschenmengen, die sich wochenends durch die Galerien wälzen, eher als Dekorum zu verstehen sind. Das eröffnet anderen Akteuren Spielräume.


Die kleine Messe Paper Positions hat sich mit ihrem speziellen Fokus auf genau das Publikum eingestellt, das sich sonst als Fußvolk betrachten darf. Zu den Ausstellern gehören durchaus renommierte Galerien, die ihre Offerte dem Thema und dem erwarteten Publikum entsprechend angepasst haben. Hat Nosbaum & Reding aus Luxemburg in der Galerie und im Museum gerade Ausstellungen mit in der Regel fünf- und sechsstellig bepreisten Skulpturen von Stephan Balkenhol eröffnet, sind in Berlin Zeichnungen für 2.500 Euro zu sehen. Thomas Taubert aus Berlin nutzt die Gelegenheit unter anderem, um mit den Weltkarten von Axel Lieber (ab 3.000 Euro) auf dessen Ausstellung in der Galerie hinzuweisen.

Ralph R. Haugwitz aus Berlin zeigt mit Aquarellen und Zeichnungen vorwiegend des 19. Jahrhunderts ein Kontrastprogramm, das sich mit Preisen fast ausschließlich im vierstelligen Bereich durchaus mit dem zeitgenössischen Angebot verträgt. Deutlich hochpreisiger ist die Klassische Moderne bei dem Münchener Kunsthandel Kunkel Fine Art, der mit einer hochkarätigen Berlin-Auswahl antritt: DODO, Liebermann, Mammen, Ury.

Die wahre Konkurrenz im Aufmerksamkeitswettbewerb kommt jedoch von der Produktionsseite.
Denn nach GWB-Logik müsste Ngoro Ngoro Konkurrenz sein. Tatsächlich ist das "Artists' Weekend" wohl eher das Event, das dem recht eingefahrenen Massenauftrieb frischen Wind einhaucht. Das Ateliergelände in einer ehemaligen Fabrik in Weißensee wurde vor rund einem Jahrzehnt von Jonas Burgert gekauft, der die Ruine Zug um Zug renoviert und mittlerweile Ateliers für sechs weitere Künstler geschaffen hat.

Zum zweiten Mal nach 2015 haben die Sieben einige Freunde eingeladen, eigene Arbeiten zu zeigen und zusätzlich einige ihrer Sammler um Leihgaben gebeten. Ein kuratorisches Konzept existiert nicht wirklich, Kriterium ist vielmehr, dass die einzelnen Arbeiten zusammen passen. Daher bezeichnen sich die Macher nicht als Kuratoren, sondern als Initiatoren. Das Konzept hat schon beim letzten Mal fast etwas zu gut funktioniert. "Ursprünglich wollten wir so 30 Künstler einladen - am Ende waren es 120", erzählt John Isaacs. "Dieses Jahr sollte es dann kleiner werden. Gelandet sind wir bei 160."

Obwohl es keine Werbung und im Vorfeld kaum Medienresonanz gab, kamen vor drei Jahren schon rund 15.000 Besucher, die der improvisierten Schau einen Volksfestcharakter verliehen. Dieses Jahr ist die Künstlerinitiative in Aller Munde und scheint die Hauptstadtattraktion des Gallery Weekends zu sein. Das geht so weit, dass etwa Anselm Reyle die Chance gewittert hat, hier seine Karriere zu rebooten und mit einem großen Trupp Assistenten eine Handvoll monumentaler Keramikvasen aufgebaut hat.

Überhaupt ist Einiges an Prominenz zu sehen: ein Video von Bruce Nauman, eine Kastrationsskulptur von Paul Mc Carthy und sogar ein kleines Gemälde von Giorgio de Chirico. Es handelt sich um Leihgaben, zumeist von Privatsammlern, die die Initiatoren für eine sinnvolle Ergänzung der aktuellen Produktion halten. Und tatsächlich funktioniert der Dialog zwischen den Werken häufig genug. Auch die Inszenierung in den abwechselnd großvolumigen und verwinkelten, teilweise ruinösen Gebäuden bietet für fast alle Exponate einen idealen Rahmen. Robin Rhodes Skulptur einer stark vergrößerten Pfundmünze, auf die der Südafrikaner mehrfach geschossen hat, ist einem Kellergang so installiert, als stehe sie auf einem Schießstand. Zwischendurch hängen und stehen immer wieder Werke ganz junger Künstler. Da jedes Exponat für sich wirken soll, wurde auf Schildchen verzichtet.
Geschultert wird die viertägige Schau ausschließlich von den sieben Initiatoren, die zur Finanzierung eine Edition in 100 Exemplaren zum Preis von 2.000 Euro aufgelegt haben, von der am Freitagmittag schon 70 verkauft waren.

Je nach Standpunkt kann Ngoro Ngoro als erfrischende Bereicherung eines in merkantilen Strukturen festgefahrenen Kunstbetriebs gesehen werden oder als Versuch eines Boys‘ Clubs, einen weiteren exklusiven Zirkel aufzumachen. Auf alle Fälle passiert mal wieder etwas in Berlin, und vielleicht macht das Beispiel ja Schule.


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Paper Positions
Deutsche Telekom Hauptstadtrepräsentanz
Jägerstrasse 42-44, 10117 Berlin
--> www.paperpositions.com/berlin/


NgoroNgoro II
Ateilegbäude Lehderstrasse 34, 13086 Berlin
--> artistweekend.com

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