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Street. Life. Photography. Street Photography aus sieben Jahrzehnten: Super Dark Times

Man kann wirklich nicht behaupten, dass auf den Straßen zurzeit nichts los wäre. Gerade im Osten Deutschlands tut sich diesbezüglich ja einiges. Dort herrscht ein – von braunen Volksbewahrern ausgelöstes – buntes Treiben, dort herrscht eine echte Hatz. Um es aber frei heraus zu sagen: eine wahre Menschenhatz; eine Jagd auf Menschen, deren Fremdartigkeit das ungesunde, weil auf rassische Reinheit erpichte Volksempfinden zur Vernichtung herausfordert. Und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich solche hässlichen Eruptionen der identitären Gesinnung auch anderswo in Europa, darunter natürlich auch Österreich, vorzustellen. Mit einem Wort: Die Straße, als Metapher für den öffentlichen Raum an sich, ist gerade ein hartes & gefährliches Pflaster.


Aber darf man deshalb mehr als einen Zufall darin erblicken, dass die Ausstellung „Street. Life. Photography“ in den Hamburger Deichtorhallen, die gemäß ihrem Untertitel „Street Photography aus sieben Jahrzehnten“ (grob: von 1940 bis 2010) präsentieren möchte, diese Sichtweise durchwegs teilt? Ja, man darf. Denn nur wer mit Kurzsichtigkeit geschlagen ist, mag in diesen (noch nur) deutschen Dingen bloß Tageaktuelles erkennen, wo sie doch sehr wohl darüber hinausweisen, da sich in ihnen auch der Zeitgeist Bahn bricht; jener Zeitgeist, der die weltoffene Willkommenskultur des Jahres 2015 schon längst hinweggefegt und durch eine Ideologie der Ausgrenzung, Abschottung und mentalen wie materiellen Aufrüstung ersetzt hat; und das, wo diese Willkommenskultur ohnehin nur für ein kurzes, humanitäres Tauwetter in der soziopolitischen Eiszeit stand, die schlagartig mit 9/11 eingesetzt hat: eine Epoche der Unübersichtlichkeit, der ubiquitären Bedrohung, der Angst, die es angezeigt scheinen ließen, der Welt und den Menschen darin mit Vorsicht, Misstrauen, ja vielleicht sogar vorauseilender Feindseligkeit zu begegnen. Die vorwaltende Wahrheit irgendwo da draußen, in einer allerdings prekären Gegenwart: Homo homini lupus.      


Und ebenjene dem Zeitgeist geschuldete Weltanschauung dürfte sich nun auch der Ausstellung eingeschrieben, dürfte der Kuratorin Sabine Schnakenberg wie ein – freilich unbewusster – Filter bei der allgemeinen Konzeption sowie der Auswahl der einzelnen Arbeiten vorgelegen haben. Denn diese Leistungsschau der Street Photography, die über 320 Werke von mehr als 50 KünstlerInnen vereint, versucht sich nicht an einer und schon gar nicht an der Geschichte dieser – immer noch und gerade wieder – sehr populären fotografischen Disziplin; sie verschmäht also die konventionelle chronologische Aufbereitung des Themas, bei der etwa mit Daguerres erster Straßenaufnahme des Pariser Boulevard du Temple ein Nullpunkt gesetzt würde, um dann anhand der sattsam bekannten Namen (Atget, Cartier-Bresson etc.) einen mittlerweile festgeschriebenen Kanon und damit eine Art ununterbrochenes Heldenepos dieses durchaus mythenumrankten Genres zu reproduzieren.


Stattdessen gliedert man die Arbeiten nun nach bestimmten Schlagworten, und die daraus sich ergebenden sieben Kapitel lassen, da in ihnen in demokratischer Mischkulanz Alte Meister (Diane Arbus, William Klein) neben zeitgenössischen, noch eher unbekannten Fotografen zu hängen kommen, gleichsam etwas Kaleidoskopisches vor unseren Augen erstehen; sie sorgen mithin, mit Ernst Bloch geredet, für eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, wobei diese Heterogenität der Eindrücke – ein schöner Nebeneffekt – auch der eigenen Wahrnehmung während eines Spaziergangs im öffentlichen Raum entspricht (oder zumindest entsprechen könnte).


Diese Kapiteleinteilung lädt, vielleicht weil eine solche chronologische Inkonsistenz dem Atmosphärischen ohnehin in besonderer Weise aufzuhelfen weiß, aber, wie erwähnt, auch zum Schwarzsehen ein. Das lässt sich einerseits, wie in den Fällen von Crashes, Anonymity und Alienation, schon den Kapitelüberschriften entnehmen, in den anderen, neutraler formulierten Fällen jedoch auch recht schnell an der inhaltlichen Ausrichtung erkennen: So etwa wenn wir in Public Transfer vor Augen geführt bekommen, wie die Menschen vor allem Wert auf ihr Solitär-Sein legen und der Anwesenheit der anderen in erster Linie mit Gleichgültigkeit begegnen, so sie nicht überhaupt als Zumutung empfunden wird; oder wenn in Urban Space der Mensch neben der alles dominierenden Architektur zur Marginalie gerät und in Lines and Signs die städtischen Wegemarken und Zeichen hauptsächlich von Orientierungslosigkeit künden und die Welt als einen dunklen, rätselhaften Ort ausweisen.


Aber sosehr dieses Schwarzsehen aus heutiger Sicht einleuchtet, sosehr verwundert es letztlich doch auch ein wenig, wenn man bedenkt, dass der Fokus der Ausstellung auf der Zeit zwischen den 50er und den 80er Jahren liegt, und sich vergegenwärtigt, dass jene Epoche eigentlich eine des Optimismus, des Aufbruchs und Fortschrittsdenkens war. Verkehrte Welt, oder?

Street. Life. Photography. Street Photography aus sieben Jahrzehnten
08.06 - 21.10.2018

Deichtorhallen Hamburg - Haus der Photographie, Aktuelle Kunst
20095 Hamburg, Deichtorstraße 1 – 2
Tel: +49-(0)40-32 10 30, Fax: +49-(0)40-32 10 3-230
Email: mail@deichtorhallen.de
http://www.deichtorhallen.de/
Öffnungszeiten: Di - So 11.00 - 18.00


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