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Marianne Strobl, "Industrie-Photograph", 1894-1914.: M., die unsichtbare Photographin

Kaum zu glauben, doch gibt es sie noch die Entdeckungen. Bislang unbekannte ProtagonistInnen im wahrsten Sinne des Wortes, Pionierinnen und Pioniere in ihrem Fach, und das Ganze in einer Zeit, an einem Ort, einem Thema, das allenthalben mehr als bekannt und erforscht scheint: Wien um 1900.


Es ist nicht so, dass dieses Œuvre gänzlich unbekannt wäre, Teile davon sind publiziert, manches ist in Mappenwerken zusammengefasst, einiges schlummerte ohne Angaben einer Autorenschaft in Archiven und es ist davon auszugehen, dass man die eine oder andere Fotografie noch finden oder zuschreiben wird. Doch das Erstaunlichste an der von Ulrike Matzer zu Tage beförderten Person ist die Tatsache, dass es sich bei dem „Photograph M. Strobl, Specialist für Blitzlicht-Photographien“ um eine Frau handelt. Bereits 1894 beginnt Marianne Strobl mit ihrem Atelier tätig zu werden, spezialisiert sich als „Industrie-Photohraph“, eine Domäne, die es so in Wien davor noch nicht gab. Zwei Jahre später wird der weibliche Vorname im Firmensignet mit einem schlichten wie geschlechtslosem „M.“ abgekürzt, die weitere Berufsbezeichnung lautet maskulin „Industrie-Photograph“.


Die Zeiten für das Metier waren bestens, sowohl was die Auftragslage anbelangt, als auch die fototechnischen Errungenschaften. Und während ein großer Teil der fotografierenden Kollegenschaft, das verschwindende „alte Wien“ und „Wiener Typen“ festhielten, dokumentierte Strobl die umfassenden Infrastrukturmaßnahmen der Stadt: Kanalbauarbeiten, die Gaswerke Leopoldau und Simmering, das Interieur des Männerwohnheims in der Wurlitzergasse. Ebenso dokumentierte Strobl den Ausbau des Eisenbahnnetzes, Höhlenexpeditionen und Ausstellungen des österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Sie fotografierte hinter den Kulissen des Hotels Meißl & Schadn und der Wäschefabrik E.Braun & Co, beides wohl im Auftrag der Mitarbeiter als Präsent für die Chefetage. Strobl arbeitete stets in Serien, die Auswahl, was in repräsentative Mappen gelangt oder in Broschüren oder sonstige Druckwerken publiziert wird, trifft stets der Auftraggeber.


Die bislang bekannteste Serie dürfte auch einer ihrer ersten Aufträge gewesen sein. Für die „Internationale Ausstellung für Volksernährung, Armeeverpflegung, Rettungswesen und Verkehrsmittel“ fotografierte sie sämtliche Typen von Fuhrwerken, die vom Militär verwendet wurden. Anbetracht der Tatsache, dass sowohl das Automobil als auch die Eisenbahn im Begriff waren, derlei Transportmittel abzulösen, muss das Konvolut bereits damals etwas nostalgisch angemutet haben. Den überwiegenden Anteil an Arbeiten von Marianne Strobl hat Ulrike Matzer bei ihrer umfassenden Recherche aus den zwei Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg gefunden, tätig war die Fotografin bis in die Mitte der 1930er Jahre.


Biographisch ist die 1865 in Schlesien geborene Strobl kaum greifbar, doch darf angenommen werden, dass sie ihre Ausbildung im Umfeld des elitären Camera-Clubs erhalten hat, dessen Mitglied ihr Mann, ein Vermessungstechniker, war. Die heute noch überaus bekannte Dora Kallmus, die ab 1907 mit ihrem Atelier d’Ora als Portraitfotografin reüssierte, berichtete aus ihrer Zeit an der Graphischen Versuchs- und Lehranstalt über gröbere Schwierigkeiten: „Man fand es genügend, mir als allererste Frau Zutritt zu den Vorträgen gestattet zu haben und hielt die chemischen Reagenzien von mir fern, als wären sie unanständige Witze“. Und anders als ihre bereits mehr als ein Jahrzehnt früher agierende Kollegin von der Industriefotografie stand Kallmus in ihren Wiener Jahren nie selbst hinter der Kamera.


Man darf Marianne Strobl, die in einer dieser kleinen, feinen Ausstellung im Photoinstitut Bonartes mitsamt einer umfangreichen Publikation gewürdigt wird, getrost als eine große Entdeckung bezeichnen.

Marianne Strobl, "Industrie-Photograph", 1894-1914.
20.10.2017 - 26.01.2018

Photoinstitut Bonartes
1010 Wien, Seilerstätte 22
Tel: +43 1 2360293
Email: info@bonartes.org
http://www.bonartes.org/

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