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Magic Circle: Hexenjagd im Kunstraum Niederoesterreich

Tarot-Karten, Horoskope, lange spitze Fingernägel. Wer dieser Tage den Kunstraum Niederoesterreich betritt, trifft auf allerlei okkulte Gegenstände und Themen, die mit Hexen, Magie und Zauberei zu tun haben. Sie gehören zur Ausstellung „Magic Circle“.


Die beiden Kuratorinnen Katharina Brandl und Daniela Brugger haben sich zum Ziel gesetzt, mit dem Projekt Magic Circle „nach den Hintergründen der gegenwärtigen queer-feministischen Rezeption von Hexen-Praxen in der Gegenwartskunst“ zu fragen. Dabei berufen sie sich auf Juliane Rebentischs Definition von Gegenwartskunst, also auf jene zeitgenössische Kunstproduktion, die sich kritisch mit ihrer Gegenwart beschäftigt.


Hier liegt leider das Problem der Ausstellung, die ein starkes qualitatives Gefälle aufzeigt. Denn nicht alle künstlerischen Positionen erfüllen dieses selbst auferlegte Kriterium. Auch stehen viele der gezeigten Werke keineswegs in der Tradition des in den 1970er Jahren wiedererstarkten Interesses in der Kunst an der Figur „einer mächtigen Frau [und] um die Einschreibung in eine Geschichte, die sowohl Unterdrückungs- als auch eine Ermächtigungsgeschichte ist“, wie das kuratorische Statement behauptet. Während vor rund vierzig Jahren vor allem eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Bild von Weiblichkeit „an sich“ diskutiert wurde, die vor der Folie der späten Rezeption von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos „Dialektik der Aufklärung“ (1944) gelesen werden muss, so handelt es sich hier doch um gänzlich andere Themen.


So trifft man in der Ausstellung etwa auf Karin Ferraris Videoanalyse von Katy Perrys Video zu „Dark Horse“. Die Künstlerin untersucht darin in verschwörungstherotisch-postfaktischer Manier die im Musikvideo enthaltenen Symbole und versucht, deren vermeintlich tiefere Bedeutung zu analysieren. Durch die Verbreitung der Analyse via eines eigenen YouTube-Kanals soll scheinbar eine zeitgenössische, aus dem Medium selbst generierte Kritik angeregt werden. Das aber hat schon bei Jeff Koons nicht funktioniert. Kitsch bleibt Kitsch.


Von der „Künstlerin und Yoga-Lehrerin“ Tabita Rezaire wird das Selbstportrait „Bow Down“ präsentiert, das sie nackt und nur mit einer Schlange um den Hals bekleidet zeigt, auf einer goldenen Erdkugel schwebend, die ebenfalls von einer Schlange umschlungen wird. Über Rezaire schwebt das alles sehende magische Auge. Weiterhin fliegen neben ihr u.a. Muscheln, mehrere Gebärmütter und ein plüschrosafarbener High Heel durch das Bild. Es ist schon klar, dass offenkundig Klischees aufgebrochen und hinterfragt werden sollen. Aber es greift zu kurz. Mehr ist eben nicht immer mehr, und die reine Anhäufung von zu Kritisierendem ist noch keine Kritik.


Wohltuend spannend hingegen sind die beiden künstlerischen Positionen von Veronika Eberhart. Ihre vielschichtige Videoarbeit „9 is 1 and 10 is none“ behandelt in mehreren Kapiteln die Figur der Hexe. Dabei greift die Künstlerin philosophische Fragestellungen, künstlerische Positionen sowie sexualisierte Geschlechterrollen auf und verbindet diese zudem mit tänzerischen Elementen und Kapitalismuskritik. Auch ihre Arbeit „Bildanalyse Skizze (grafische Reinterpretation des Neujahrsgrußes mit drei Hexen von Hans Baldung gen. Grien)“ zeigt eine komplexe Auseinandersetzung mit Klischees über Frauen, Weiblichkeit und Hexerei und findet neue Ausdrucksformen, die tradierte Erzählstrukturen durchbrechen.


Auch Johanna Braun setzt sich problematischen Stereotypen entgegen, indem mit ihrer Collage „Thou Shalt Not Suffer a Witch to Live (On Mass Hysteria I)“ einen Atlas erstellt hat, der Darstellungen historischer und zeitgenössischer Figuren in Bildern und Texten vermeintlicher Hexen einander gegenüberstellt und hinterfragt. So findet Hillary Clinton, die während des letzten US-Präsidentschaftswahlkampfes immer wieder von Gegnern öffentlich als Hexe bezeichnet wurde, darin ebenso ihren Platz wie Emma Watson und Beyoncé. Jedes Bild, jeder Text wirkt wie ein künstlerischer Kommentar auf Vergangenheit und Gegenwart und man bekommt Lust, sich länger in diese Welt zu vertiefen und mit dem Phänomen der Hexe zu beschäftigen.


Trotz einiger überzeugender Positionen stellt sich die Frage, warum die Kuratorinnen auf einschlägige künstlerische Positionen von beispielsweise Georgia Horgan oder Linda Stupart in der Ausstellung verzichtet haben. Auch wäre ein wissenschaftlicher Katalogtext, in dem die angekündigten „langjährigen theoretischen Recherchen“ zum Thema zu Tage treten, wünschenswert gewesen.

Magic Circle
23.03 - 12.05.2018

Kunstraum Niederoesterreich
1010 Wien, Herrengasse 13
Tel: +43 1 90 42 111, Fax: +43 1 90 42 112
Email: office@kunstraum.net
http://www.kunstraum.net/de
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-19, Sa 11-15 h

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