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Bruegel

„Auf seinen Reisen hat er viele Veduten nach der Natur gezeichnet, so daß gesagt wird, er habe, als er in den Alpen war, all die Berge und Felsen verschluckt und als Malbretter wieder ausgespien, so nahe vermochte er in dieser und anderer Beziehung der Natur zu kommen.“ Diese hübsche Geschichte von der gastro-intestinalen Fähigkeit zur Nachahmung wird von Pieter Bruegel erzählt. Carel van Mander, von dem sie stammt, schreibt seinen Protagonisten noch Breughel, es gibt auch die Version mit Brueghel, doch ist das mehr ein lexikalisches Problem, das sich auch auf die Nachkommenschaft erstreckt, in der die Namen Jan und Pieter der Jüngere einigermaßen aktenkundig sind. Um den älteren Bruegel, geboren vor 1530, gestorben 1569, rankt die Albertina jetzt eine Leistungsschau, die, das gibt es noch, ausschließlich aus grafischer Ware besteht. Um im Sinne van Manders zu urteilen: Der Meister scheint auch Papier gespien zu haben.


Carel van Mander ist so etwas wie der Vasari des Nordens. Er gibt Kunst- als Künstlergeschichte zum Besten, unbekümmert wie sein Vorbild um Authentizität, wenn nur die Pointe stimmt. Seine im Jahr 1617, für Bruegel also längst posthum erschienenen Lebensbeschreibungen, kommen, der historischen Marge zu Italien entsprechend, ein halbes Jahrhundert später als jene Vasaris (und handeln ausschließlich von Nicht-Italienern). Doch die Kategorisierung verläuft dann ziemlich parallel: Was hier verhandelt wird, sind Künstler im neuzeitlichen Sinn, sind Könner, Virtuosen, Natur-Annäherer, und worauf sich ihr Können niederschlägt, lohnt sich zu sammeln. Die Funktion dieser Arbeiten ist Kunst. Und ihr Ort ist der Markt.


So zeigt es auch das berühmteste Blatt der Ausstellung, in heutigen Worten als „Maler und Käufer“ betitelt, entstanden um 1566. Maler und Käufer: Ein Mensch, der mit dem Pinsel hantiert, hat einen anderen im Nacken, der mit dem Geldbeutel hantiert. Ein schier atavistisches Vis-à-vis, und es gehört zu Bruegels überbordendem Witz, dass das Gegenüber ein Hintereinander ist. Von links nach rechts, in Leserichtung: wirr und verwirrt der eine, kennerschaftlich tuend aber offenbar doch in erster Linie naiv wie beim Warten aufs Christkind der andere. Der eine fragt sich, wie komm ich dazu?, der andere sagt, ich komm schon dazu! Was hier verhandelt wird, ist Künstlerschaft im neuzeitlichen Sinn.


Die Federzeichnung gehört der Albertina selbst. Sechs von Bruegels Blättern besitzt sie, das bedeutet ein Zehntel des überlieferten Bestandes. Die sehr überschaubare Menge wird ausgeglichen durch die Drucke, die die Essenz dieses grafischen Werks ausmachen. Ihr Ort ist der Markt, und Bruegel war sehr erfolgreich, ihn zu bedienen. Gestochen wurden die Werke von Spezialisten, verlegt ebenso. Die klassische italienische Arbeitsteilung von Erfindendem und Ausführendem war auch in den Niederlanden praktikabel. Alles, was an Druckgrafik erhalten ist, gibt es in der Albertina. Und entsprechend in der Schau (die aber auch gut ergänzt wird durch Leihgaben).


Bruegel war ein Kunstmarktkünstler. Er bedient sich der Phantastik des Hieronymus Bosch, setzt sie um in vertraute Landschaften, schafft so die Wimmelbilder, die sein Markenzeichen werden, und lädt sie auf mit Sprichwörtlichkeit, so dass man wunderbar – darin besteht die Funktion von Kunst bis heute – reden, debattieren, renommieren kann. Ein zweites berühmtes Blatt gehört der Albertina: „Die großen Fische fressen die kleinen“, ein Frühwerk aus den 1550ern. Auch das gilt bis heute.


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Bruegel. Das Zeichnen der Zeit
Albertina
Bis 3. Dezember 2017

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