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Ein Handbuch zur Kunstrestitution aus der juristischen Perspektive

Astrid Mayerle, 25.02.07

Die Washingtoner Prinzipien von 1998 sollten Bewegung in die vielen noch ungeklärten Restitutionsfälle bringen. Zwar unterzeichneten damals 44 Staaten, doch damit war noch keine gemeinsame Rechtsgrundlage geschaffen. Denn die sehr unterschiedlichen Ländergesetze bestehen bis heute fort, nur auf eine gemeinsame so genannte "Selbstverpflichtung", also freiwillige Nachforschungen über die Herkunft der Kunstwerke in staatlichen Sammlungen, einigte man sich. Welche Konsequenzen daraus erwachsen und wie salopp diese Selbstverpflichtung auch von deutschen Museen gehandhabt wird, ist nur ein Kapitel in "Nazi Looted Art".

Der Jurist Gunnar Schnabel und die Kunsthistorikerin Monika Tatzkow versuchen mit ihrem "Handbuch der Kunstrestitution" - so der Untertitel - die historischen und juristischen Grundlagen darzustellen. Daher sortiert das Buch mehr als 100 Fälle aufgrund ihrer spezifischen Enteignungs- und Rückgabeproblematik. Darunter das Kirchner Gemälde "Straßenszene" aus dem Brücke Museum Berlin, das im November 2006 bei Christie´s versteigert wurde und als besonders umstrittener Fall gilt. Verschiedene Experten sind überzeugt, dass das Museum das Bild voreilig und zu Unrecht zurückgegeben hat, da nicht die Machenschaften der Nazis, sondern die Weltwirtschaftskrise der Grund für den Verkauf 1936 gewesen sei. Das klingt in "Nazi Looted Art" anders: "Die Besonderheit dieser Fallgruppe ist, dass sie nach deutschem Zivilrecht Eigentumsübertragungen von Kunstwerken durch die Alteigentümer selbst... darstellen. Es fand keine unmittelbare Einflussnahme staatlicher Stellen statt." Nicht nur das Vokabular ist hier das eines Juristen, Gunnar Schnabel schreibt auch nicht aus einer neutralen Perspektive, denn er vertritt als Jurist Nachkommen der durch das NS-Regime geschädigten Erben.

Allerdings führt er die aktuelle Diskussion in einem Punkt wieder auf den richtigen Kurs: die spektakulären Auktionsgewinne dürften nicht als umgekehrtes Vorzeichen zum moralisch-ethischen Maßstab der Restitution gemacht werden. "In bisher einmaliger Weise gab es hierzu eine internationale Berichterstattung, in deren Vordergrund nicht das Verfolgungsschicksal der Sammler und der Bilder stand, sondern die Höhe der nach der Rückgabe erzielten Erlöse. Diese Schwerpunktsetzung vernebelt, worum es bei der Kunstrestitution geht." Um eine - juristisch korrekte - Widergutmachung gegenüber der NS-Opfer und ihrer Erben.

Auch wenn gerade eines der wichtigsten Wörter zur Restitutionsproblematik, nämlich "Enteignung" nicht bzw. nur in seinen synonymen Varianten wie "Beschlagnahme" und "Entziehung" auftaucht, erweist sich das Stichwortlexikon am Ende des Buchs als eine hilfreiche und leserfreundliche Idee.

Gunnar Schnabel, Monika Tatzkow: Nazi Looted Art.
Handbuch Kunstrestitution weltweit
Proprietas Verlag, 39 Euro

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