Bloß nicht erwachsen werden!

Stefan Kobel, 13.06.06

Elf Jahre gibt es die Liste jetzt schon - Zeit erwachsen zu werden, möchte man meinen. Immerhin hat die junge Begleitmesse zur Art Basel durch Sponsorenhilfe einen zeltartigen Anbau erhalten. Ihren etwas arg studentischen Charakter pflegt sie allerdings weiter. Bloß nicht etabliert wirken! Dabei ist die Marke "Liste" längst angekommen im internationalen Messezirkus, auch wenn so manch kunsthandwerklicher Unsinn zu sehen ist. Bei Van Zomeren aus Amsterdam etwa gab es eine Gruppe sich verfolgender Standventilatoren von dem Kubaner Wilfredo Prieto - bei der brütenden Hitze boten sie immerhin eine willkommene Erfrischung.

Bestes Beispiel für die Globalisierung der Szene ist die Osloer Galerie Standard. Die dänischen Betreiber hatten bereits im Gründungsjahr 2005 an der Jubiläums-Liste teilgenommen und anschließend an fünf weiteren Schauen von New York bis Antwerpen. Ihren Künstler Matias Faldbakken, der an der Frankfurter Städelschule gelernt hat, verkaufen sie jetzt in Basel unter anderem an belgische Sammler. Seine Arbeit "The Coffeetablization of everything" - bestehend aus einem überdimensionierten weißen Buch ohne Seiten - in einer Dreier-Auflage zu 4.500 Euro das Stück - ist bereits am Vernissagetag vergriffen.

Die Internationalität nutzt auch die italienische Galerie "Monitor". Da Rom traditionell ein schwieriges Pflaster für zeitgenössische Kunst ist und sich die Sammlerszene gerade erst entwickelt, findet sie hier ihre Plattform für Rä di Martino. Die in London und New York lebende Italienerin beschäftigt sich in ihren Videos, ausgehend von ihrer Arbeit mit amerikanischen Medienarchiven, mit den kollektiven Medienerfahrungen ihrer Generation. Dazu hat sie Interviews geführt und diese anschließend von Schauspielern nachsprechen lassen. Die wie Maschinen agierenden Darsteller stehen in "La Camera" seltsam beziehungslos nebeneinander und "re-acten" die Jugenderinnerungen anderer Menschen. Das Video in einer Sechser-Auflage kostet 6.000 Euro, die Filmstills sind für 1.500 Euro zu haben (3er-Auflage, 55 x 75 cm). Käufer sind zumeist Italiener.

Konsequent setzt Alexander Sies von der Düsseldorfer Galerie Sies & Hoeke auf die kleine Konkurrenzmesse, die ja eigentlich Talentschuppen sein will. Streng genommen etwas zu alt für die Liste, deren teilnehmende Galerien nicht älter als fünf Jahre sein sollen, nimmt er trotzdem die Chance wahr, ein letztes Mal von ihrem Underground-Image zu profitieren. Die Kosten sind gering, und die Sammler kommen ohnehin hierher. Dafür kann er preiswertere Werke zeigen. Seine One Man Show von Damien Roach präsentiert Malerei, Skulpturen, ein Video sowie aquarellierte Zeichnungen des Multitalents. Letztere, sensible Beobachtungen von scheinbar Alltäglichem, markieren den Preisrahmen: Einzelne Blätter kosten 850 Euro, das gesamte Ensemble 10.000 Euro.

Eine sehr befremdliche Erfahrung macht Pascal Spengemann von Taxter & Spengemann aus New York. Der Stand mit Gemälden von Max Schumann ist zwei Stunden nach Eröffnung der Vernissage bereits nahezu ausverkauft. Das Angebot ist allerdings auch zu verlockend. Die von Miniaturformaten bis ungefähr A3 reichenden Arbeiten des 42-Jährigen sind virtuose Wiederholungen von Anzeigen, Zeitungsbildern oder Fernsehaufnahmen in jeweils mehreren Versionen, die in kurzen ironischen Bildinschriften die heile Welt der offiziellen Darstellungen in ihr Gegenteil verkehren. Dazu ist jedem Bild ein Preis eingeschrieben, angefangen bei einem Dollar bis zu einigen hundert Dollar. Das ist tatsächlich der Preis, der für das jeweilige Werk zu entrichten ist. Gleiche Motive tragen allerdings immer verschiedene Zahlen. Verkauft werden die Gemälde in Gruppen von zumeist drei bis fünf Stück. Erstaunlich: Laut Spengemann greifen Europäer sehr viel spontaner zu als Amerikaner. Normalerweise ist es umgekehrt. Wahrscheinlich kommt das "Alte Europa" mit Ironie und dem Hinterfragen der eigenen Werte besser zurecht. Für die größeren Formate mit Portraits von George W. Bush ab 1.000 Dollar hat sich bisher noch niemand erwärmen können.

13. bis 18.6.2006, 13 bis 21 Uhr


Tipps

 

Liste Basel
4058 Basel, Werkraum Warteck pp, Burgweg 15
email: info@liste.ch
http://www.liste.ch
Öffnungszeiten: 13-21 Uhr




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Liste Basel
Liste 06

13.06.2006 bis 18.06.2006

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