Theorie in Progress

Rainer Metzger, 20.09.04

Die Postmoderne, die Epoche, in der wir nun einmal leben, ist das Zeitalter der Theatralisierung. Alles wird Auftritt, genährt von der Überzeugung, dass jemand zusieht. Irgendwer sieht immer zu (zur Not der kleine Kerl, ohne den der Narzissmus niemals ausgeht). Sogar in der Kunst sieht jemand zu. Und hier gibt man besonders gern Theater. Etwa Theater der Theorie. Die Secession zeigt also Silvia Kolbowski.

Die 1953 geborene, in New York lebende Künstlerin ist eine der Galionsfiguren einer erneuerten Conceptual Art. Sie war in den Neunzigern Mitherausgeberin von "October", jener Zeitschrift, die das Passepartout der Theorie in alle Länder trug. "October" hatte sich dem Versuch verschrieben, die seit den Sechzigern anbrandenden Bedürfnisse nach allem, was wie Reflexion aussah, zu kanalisieren. Das gelang oftmals überzeugend. Bisweilen aber versandeten die Beiträge eben im Demonstrativen, in einer Fülle von Rechenschaftsberichten über die eigenen Hirnbewegungen: Seht her, wieviel ich denke.

Rechenschaftsberichte liefern auch die drei Installationen, die Silvia Kolbowski im Hauptraum der Secession aufgebaut hat. Per Video bzw. Dia und per eingespieltem Text äußern sich Zeitgenossen zu bestimmten von der Künstlerin aufgegebenen Themen. Das kann den Versuch beinhalten, sich an ein Werk der Konzeptkunst zu erinnern; das kann ein Verhältnis beschreiben, das man zur "Macht" hat (die einschlägigerweie nicht näher bestimmt wird); und das kann den eigenen Umgang mit den Verlockungen des Shopping skizzieren. Das dominerende Verfahren ist Oral History, aber die gilt ja längst als seriöse wissenschaftliche Methode (wer stellt endlich Ian Wilson aus, der die Oral History einst in die Kunst hineintrug?)

Rosalind Krauss, die Gründerin von "October", hat in einem wunderbaren Aufsatz, betitelt "LeWitt in Progress", die Frage gestellt, wieviel von Conceptual sich der Rationalität verdankt, und wieviel dabei Obsession ist. Die Frage war gestellt am Beispiel von Sol LeWitt, einem Veteranen der ersten Generation, und die Antwort, die sich im Rückblick ergab, tendierte doch deutlich in Richtung des Obsessiven. Man sollte die Frage wieder einmal stellen.


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Secession
1010 Wien, Friedrichstrasse 12
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email: office@secession.at
http://www.secession.at
Öffnungszeiten: Di-Sa 10-18, So 10-16h




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Silvia Kolbowski - "inadequate...Like...Power"

17.09.2004 bis 11.11.2004

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